Specials - Editorial
Samstag, 31. Juli 2010

Liebe Leserin,

was ist eigentlich normal? Sind Sie es? Bin ich es? Sind wir nicht alle ein bisschen … anders? VÖLLIG NORMAL? – das ist das avaThema im August. Bei uns völlig normal von den Leserinnen vorgeschlagen und gewählt. Auch wenn das für ein Frauenmagazin ungewöhnlich, vielleicht sogar einzigartig ist. Aber die Definition von Normalität hängt auch immer vom eigenen Standpunkt ab. Man schließt von sich auf andere, die eigene Wahrnehmung ist das Normale. Und doch wollen wir alle ein bisschen einzigartig sein, oder? Und damit eben nicht VÖLLIG NORMAL … Alles gar nicht so einfach. Oder etwa doch?

 

Statistiken und Durchschnittswerte nähern sich dem, was "normal" ist, ganz gut an. Die Marktforschung orientiert sich an diesem Durchschnitt. Wussten Sie zum Beispiel, dass es einen ganz realen Ort gibt, der den bundesdeutschen Durchschnitt repräsentiert. Was an diesem Ort allerdings sehr unnormal ist: Dort finden Sie ungewöhnliche Produkte, die es (bislang) nirgends sonst gibt. Seine Durchschnittlichkeit macht diese Stadt nämlich wieder zu etwas ganz Besonderem – zum Testmarkt für Produktneuheiten. Wir verraten Ihnen diesen Monat mehr darüber.

Und was ist eigentlich dran am Normalgewicht? Muss frau sich mit Kleidergröße jenseits der 36 unnormal fühlen, weil nahezu überall in den Medien ein schmaleres Frauenbild vorherrscht? Oder auch mal andersherum gefragt: Muss frau sich mit unter 38 unnormal fühlen, weil die Realität auf unseren Straßen häufig eher jenseits der 40 liegt? Warum nur vergleichen wir uns ständig mit anderen? Um unsere eigene Normalität oder doch lieber unsere eigene Andersartigkeit zu unterstreichen?

Kennen Sie die gaußsche Normalverteilung? Das ist eine mathematische Formel – meist dargestellt als eine glockenförmigen Kurve. Früher war es übrigens ziemlich normal, diese bei sich zu haben: Sie zierte den 10-Mark-Schein und fand sich so wahrscheinlich auch in Ihrer Tasche – aber nun ist der Euro Normalität, noch so eine Geschichte … Diese Kurve jedenfalls ist der Inbegriff der Normalität, enthält aber auch gleich das Paradox der "normalen Abweichungen". Abweichend ist alles rechts und links der rechnerischen Mitte. Und damit ist eigentlich alles, was nicht genau dieser Mitte entspricht "normale Unnormalität". Die Norm enthält immer schon das Abweichende.

Zwischen diesen beiden Polen – der rechnerischen Mitte und den normalen Abweichungen – wird sich ava diesen Monat bewegen. Sie werden viel über den Durchschnitt erfahren. Aber auch viel über Andersartigkeit. Wir werden Frauen porträtieren, die irgendwie anders sind: "andere" Jobs haben, "anders" leben, "anders" sind. Und doch irgendwie normal sind. Wir werden uns aber auch fragen, inwieweit man sich mit einer "Normalität" abfinden muss: Sind zum Beispiel Jugendkriminalität oder die Tatsache, dass eine "normale" Konsumentin die Inhaltsangaben auf Lebensmittelverpackungen kaum verstehen kann, so normal, dass man darüber nur mit den Schultern zucken kann? Oder ist es an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen?

Meine persönliche Antwort nach der Frage nach dem VÖLLIG NORMAL? kann ich Ihnen schon vorab geben: Alles ist normal – es ist normal, verschieden zu sein. Ich glaube, jeder muss für sich seine ganz persönliche Normalität finden. Weder ein Anderssein um jeden Preis, noch eine permanente Anpassung an eine vermeintliche Normalität. Und vor allem sollten wir nie vergessen, dass wir es sind, die die Normalität prägen.

In diesem Sinne: Pflegen wir unsere Andersartigkeit, wer will schon VÖLLIG NORMAL sein?

Ihre Dorothea Palte
ava-Chefredakteurin

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