Liebe Leserin,
pssssst! Darüber spricht man nicht. Und tun schon gar nicht. Das darf man nicht einmal denken! TABUS – unantastbar, unaussprechlich. Aber gibt es sie eigentlich noch? Oder leben wir längst in einer enttabuisierten Gesellschaft? In der alles kann, nichts muss? Sex ist doch allgegenwärtig. Und Crime erst recht. Ständig wird über alles geplaudert, alles gezeigt. Und Bürgermeister outen sich. (Und das ist gut so!)
TABUS haben Sie sich als Mai-Thema von ava gewünscht. Und ich stehe noch immer etwas ratlos davor: Welche Einstellung habe ich persönlich zu TABUS? Während die vorherigen ava-Themen, die ZUKUNFT und die FREIHEIT, für mich uneingeschränkt positiv besetzt waren, ist es bei den TABUS schwieriger. Natürlich wehre ich mich als Journalistin gegen jegliche Art der Zensur, gegen Denkverbote, Redeverbote, die Schere im eigenen Kopf. Und natürlich bin ich als Mensch und Frau gegen das, was meine persönliche Entfaltung einschränkt – oder die anderer Menschen. Und doch: Uneingeschränkt negativ ist der TABU-Begriff für mich nicht besetzt. Jede Gesellschaft hat TABUS – ja ich glaube, jede Gesellschaft braucht TABUS. Sie sind nicht nur Grenze der persönlichen Entfaltung, sie sind auch Schutz. Schutz vor dem Anderen, dem Mächtigeren.
Es wird wohl niemanden geben, der prinzipiell in Frage stellen will, dass man einen anderen Menschen nicht zu töten hat. Oder dass Vergewaltigung, Kindesmissbrauch oder Folter in einer zivilisierten Gesellschaft geahndet werden sollten. Diese TABUS sind als Gesetze formuliert und werden mit staatlicher Macht durchgesetzt. Sie sind im engen Sinne keine TABUS, sondern sehr klare, überprüfbare und rational gerechtfertigte Handlungsanweisungen. Man redet über sie, ein öffentlicher Diskurs findet statt – oder kann zumindest stattfinden. Man beruft sich auf das Gesetz, das wiederum auf rationalen Beweggründen beruht. Meistens zumindest. Wir werden in diesem Monat auch Ausnahmen zeigen.
Doch die TABUS, die nicht per Gesetz sanktioniert sind, sind oftmals viel subtiler. Und vielleicht auch gefährlicher. Denn sie stehen nirgends. Sie sind willkürlich, komplex, variieren manchmal schon von Stadt zu Stadt, von Generation zu Generation, zwischen Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten (darf man in Deutschland eigentlich wieder von Schichten reden oder ist das diskriminierend?), Religionen oder politischer Einstellungen. Was jungen Menschen in einer Großstadt problemlos über die Lippen geht, mag in einem kleinen Ort ein großes TABU sein, über das kein Wort verloren wird. Die TABUS der politisch Linken sind andere als die der Rechten. Aber eine Ächtung geschieht nicht von Rechtswegen, sondern direkt aus (den Teilen) der Gesellschaft. Ein Minenfeld. Und häufig ein Ort für blühende Doppelmoral, Verschleierung und Lüge.
Und dann sind da noch die TABUS im eigenen Kopf. Vor allem die, die uns nicht einmal bewusst sind. Denn worüber allgemein geschwiegen wird, darüber wird auch nicht nachgedacht. Die Bilder, die man nicht im Kopf haben möchte, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Ein Beispiel: Bereits 1978 berichtete die EMMA erstmals groß über das Thema Kindesmissbrauch. Öffentliche Regung: Null. Keine LeserInnenbriefe an die Redaktion. Keine großen Debatten in Funk und Fernsehen. Emma hat damals das TABU erstmals gebrochen, doch es hat lange gedauert, bis heute – endlich – im großen Stil darüber gesprochen wird. Wenn auch qualitativ auf sehr unterschiedlichen Niveaus. Aber das TABU ist heute nicht mehr das Reden darüber, sondern der Missbrauch selbst. Zum Glück, wie ich finde.
Doch den TABUbruch – im Sinne von das Schweigen zu brechen – zum Ideal zu erheben, funktioniert leider auch nicht. Denn unablässiges Geplapper und ständige Darstellung sind noch lange keine Diskussion, kein Diskurs. Permanent nackte Haut in Werbung und Medien führt nicht wirklich zu einer Enttabuisierung des Körperlichen. Ganz im Gegenteil: vermeintliche Mängel, Haarwuchs oder gar Körpergeruch werden inzwischen tabuisiert. In einer Gesellschaft, dessen Schönheitsideal längst von Bildern retuschierter Werbe-Körper geprägt ist, wird der "normale" Körper zum Makel, zum TABU.
Und dann muss natürlich alles heutzutage political correct sein. Die Zeit (16/2010) fragte jüngst "Was darf man in Deutschland noch sagen?" und machte fünf Gruppen aus, an denen sich gegenwärtig die Gemüter erhitzen: Migranten, Harz-IV-Empfänger, Frauen, Schwule und Juden. Darf man diese Gruppen kritisieren? Darf man Witze über sie machen? Tja, ich weiß es selbst nicht so recht.
Was also ist von TABUS zu halten? Schwierig, wie gesagt. Ich lehne das Nicht-Sprechen in jeder Form ab. Denn nicht darüber zu reden, ändert nichts an Taten. Andererseits halte ich einige TABUS, nämlich die Ächtung konkreter Taten, für unbedingt notwendig.
Wir nehmen uns in diesem Monat einer ganzer Reihe von TABUS an. Natürlich wird viel Sex, Gewalt und die Frage nach politischer Korrektheit eine Rolle spielen. Aber auch ein bisschen was zum Schmunzeln wird wieder dabei sein. Nicht alles wird Ihnen persönlich als TABU erscheinen, dazu sind die persönlichen Grenzen des Akzeptierten viel zu unterschiedlich. Doch es wird bestimmt erhellend, was andere als TABU empfinden. Ich persönlich freue mich auf diesen Monat. Bestimmt bin ich am Ende schlauer als jetzt.
Vielen Dank für diesen tollen Themenvorschlag!
Ihre Dorothea Palte
ava-Chefredakteurin
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