Specials - Editorial
Mittwoch, 30. Juni 2010

Liebe Leserin,

ich muss Ihnen ein Geständnis machen: Ich bin ein glücklicher Mensch! Das fällt mir jetzt nicht leicht, mich hier so zu outen. Denn Menschen wie ich, die mit einem unerschütterlichen Optimismus und einer nahezu immer währenden Freude durchs Leben gehen, werden gerne belächelt: Bestenfalls werden wir als etwas verrückt eingestuft, schlimmstenfalls als komplett naiv. Beides Eigenschaften, die ich mir als Chefredakteurin nicht so gerne auf die Stirn klebe. Aber ich kann nichts dafür: Das GLÜCK scheint mir hold zu sein und selbst wenn es das nicht ist, kann ich meinen Niederlagen immer viel Gutes abgewinnen …



Und da sind wir bereits beim Grundproblem des Ausdrucks "GLÜCK": Er ist so relativ. Was ich als großes Glück bezeichne, mag für andere Menschen diesen Ausdruck gar nicht verdienen. GLÜCK ist so viel – oder kann so vieles sein: Lust, Erfolg, Genuss, Erfüllung, Zufriedenheit, Harmonie, Seligkeit, Überfluss. Doch auch die Askese, die Schadenfreude oder gar Schmerz kann für Manchen das größte GLÜCK bedeuten. Eine genaue Definition? Fehlanzeige! Denn so unterschiedlich, wie wir Menschen sind, so unterschiedlich ist unsere Wahrnehmung vom GLÜCK. Erst dadurch, dass wir es zu unserem GLÜCK machen, wird es das auch.

Die meisten von uns meinen ganz genau zu wissen, was sie GLÜCKlich macht: Wenn erst … die 10 Kilo zu viel von den Hüften sind … das neue Auto, Haus, Kind da ist … endlich Mr. Right auf dem Sofa sitzt … der Lottogewinn auf dem Konto ist – das Glück scheint immer in der Zukunft zu liegen. Und immer, wenn wir dort angekommen sind, wo wir es vermuteten, ist es verschwunden. Nicht umsonst das Bild vom Glück am Ende des Regenbogens: Wer sich mit Optik ein kleines bisschen auskennt, der weiß, dass der Regenbogen immer dort endet, wo ich gerade nicht bin.

Doch wir überschätzen diese Dinge, jagen ihnen nach – dem Geld oder der perfekten Familie – und übersehen dabei oftmals die kleinen Glücksmomente, die uns das Leben jeden Tag aufs Neue anbietet. Das GLÜCK im Leben zu finden, ist eine echte Herausforderung. Denn anders als Materielles lässt sich das GLÜCK, das wir empfinden, nicht messen. Wir können es nur indirekt – durch das Strahlen in unseren Augen, die beschwingte Leichtigkeit unseres Tuns oder auch das dämliche Grinsen auf unserem Gesicht (im Laufe des Monats werden Sie verstehen, was ich meine), zum Ausdruck bringen. Oder durch die Worte: "Ich bin glücklich" – mit der Konsequenz, für unsere Umwelt als verschroben oder naiv zu gelten. Aber was schert das den GLÜCKlichen.

Mit dem großen Versprechen nach GLÜCK lässt sich auch vortrefflich Kasse machen. GLÜCK sells – keine Frage! So sind wir auf der Suche nach dem GLÜCK bereit, tief in die Tasche zu greifen. Doch ich muss sie wohl enttäuschen: Es gibt keine Patentrezepte, sein GLÜCK zu finden. Auch wenn die ganze Maschinerie der GLÜCKSliteratur und -trainer uns anderes suggeriert. Fast angenehm, dass es inzwischen – angefangen mit Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein" (Piper, 7,95 Euro) bis zu Eckart von Hirschhausens aktuellem "Glück kommt selten allein …" (Rowohlt, 18,90 Euro) eine Welle der Parodie auf die Glücksratgeber gibt.

Nun werden wir uns also diesen Monat in Ihrem Auftrag auf die Suche nach dem GLÜCK machen: Fliegt einem das GLÜCK einfach zu oder ist es nur mit den Tüchtigen?  Wie viel GLÜCK kann man ertragen? Liegt das GLÜCK im Kleinen oder im Großen? Macht Geld GLÜCKlich? Oder macht GLÜCK gar reich? Kann GLÜCK von Dauer sein? Oder ist das GLÜCK eben wie das Goldtöpfchen am Ende des Regenbogens? Fragen über Fragen, denen wir uns diesen Monat stellen. Doch ich muss sie gleich zu Beginn enttäuschen: Ihr Glück können Sie nur in sich finden!

Ich wünsche Ihnen dennoch alles Glück dieser Welt!

Ihre Dorothea Palte
ava-Chefredakteurin

 

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