Specials - Editorial
Mittwoch, 31. März 2010

Liebe Leserin,

kaum ein Begriff wird in der westlichen Welt so oft beschworen wie der der FREIHEIT. Kriege werden ihretwegen geführt, Revolutionen angezettelt … Frei sein! Wer will das nicht? Doch wer fühlt sich schon so? Da ist der Job, die Familie, die Nachbarn, der Staat, die Verpflichtungen, die Angst ums Geld, der Frust, der Wecker … STOPP! Wer immer nur die Unfreiheit sieht, wird niemals frei! Denn FREIHEIT beginnt meistens im eigenen Kopf.


Immanuel Kant unterschied zwischen negativer und positiver FREIHEIT. Meist sehen wir nur die negative – oder gar deren Fehlen: Dass wir von etwas oder jemandem gehindert werden, das zu tun, was wir wollen. Die Chancen für die positive, konstruktive Freiheit sind meist klein und fast unsichtbar. Wie winzige Risse im Mauerwerk unserer Unfreiheit. Oder wie die kleinen Schäden im Asphalt. Doch in einem harten Winter wie diesem tun sie sich manchmal als riesige Schlaglöcher in den asphaltierten Straßen unseres Lebens auf. Manchmal bedarf es einschneidender, ungewöhnlicher Umstände, die uns unsere FREIHEIT vor Augen führen. Doch Nutzen müssen wir sie schon selbst.

FREIHEIT hat aber auch immer etwas Beängstigendes: Was tun bei so viel Wahlmöglichkeit? Wer unfrei ist, kann die Verantwortung abschieben: Auf die anderen, die einen nicht lassen. Wer jedoch frei ist, ist auch verantwortlich. In FREIHEIT zu handeln, bedeutet, Konsequenzen zu tragen. Das wiegt oft schwer. Lieber schieben wir echte oder vermeintliche Unfreiheit vor, um gar nicht erst handeln zu müssen. Schon im letzten Monat haben wir ein ähnliches Phänomen bei der Zukunft gesehen: "Wir planen, weil wir nicht so gut mit Zufällen umgehen können. Man möchte den Dingen, die passieren, einen Sinn geben. Deshalb gibt es wohl auch das Konzept Schicksal. Jeder ist sein eigener Schriftsteller: Man denkt sich Geschichten aus, warum die Dinge passieren, warum es so gut war. Menschen wollen generell nicht so gerne an Zufall glauben, lieber an Vorherbestimmung." sagt Romanautor Kristof Magnusson im ava-Interview. Wie der Zufall ist uns auch die FREIHEIT nicht so ganz geheuer: Statt die Risse zu sehen und zu nutzen, bauen wir lieber selbst an der großen Mauer und ergeben uns unserem "Schicksal".

Aber das rührt vielleicht von einem sehr privilegierten Standpunkt zur FREIHEIT. Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland wimmelt es nur so von Freiheiten, die wichtigste in Artikel 2: "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit". Und diese erscheint mir doch relativ gut eingelöst in unserem Land. Aber sie muss auch verteidigt werden, gegen die emsigen Bürokraten und Politiker mit ihren Maurerkellen, die jeden noch so kleinen Riss gerne zuspachteln möchten. Denn schon der nächste Halbsatz im Grundgesetz schränkt ein "soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt." Und diese Einschränkung ist das Schlupfloch für Gesetze wie die Vorratsdatenspeicherung oder jüngst ELENA. Zum Glück haben wir in Deutschland ein Bundesverfassungsgericht, dass sich dieser Fragen annimmt. Andere Länder, selbst in Europa, haben diese Bastion zur Verteidigung der FREIHEIT des Einzelnen gegenüber dem Staat nicht.

Wie weit darf der Staat, der sich auf eine freiheitliche Grundordnung beruft, seine Bürger einschränken? Das wird ein Thema in diesem Monat sein. Welche Ängste und Kämpfe sind in Namen der FREIHEIT zu bestehen? Aber auch Positives werden wir zeigen: Wie und wo Menschen – und speziell Frauen – ihre FREIHEIT nutzen. Und auch die kleinen Freiheiten des Lebens sollen nicht zu kurz kommen: Einfach mal allein loszutanzen, zu dem guten Song, der gerade im Radio läuft! Die kleinen Freiheiten haben viel damit zu tun, sich zumindest ab und zu mal nicht darum zu scheren, was andere Leute von einem denken. Denn oftmals ist die Schere der Unfreiheit in unserem eigenen Kopf.

Daher auch unsere April-Aktion "Ich nehm´ mir die Freiheit …" Jeden Tag ein kleiner Tipp, um aus der Routine des Alltags auszubrechen und neue Perspektiven einzunehmen. Machen Sie mit und genießen Sie Ihre Freiheit!

Ihre Dorothea Palte
ava-Chefredakteurin

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