Specials - Editorial
Montag, 31. Mai 2010

Liebe Leserin,

"Die ganze Welt dreht sich um mich …" – EGOISMUS! Das klingt nach Rücksichtslosigkeit und Gier. Das sind die Heuschrecken und Zicken dieser Welt. Das sind aber auch immer die anderen. Wer bezichtigt sich schon selbst des Egoismus? Diese (Selbst-)Erkenntnis scheint der Begriff auszuschließen: Selbstsucht schließt den anderen, den Blick von Außen aus. So zumindest der gängige Sprachgebrauch. Dabei hat EGOISMUS auch viel mit Eigennützigkeit und Eigenliebe zu tun. Und das ist eigentlich nichts Schlechtes. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" setzt die Eigenliebe voraus. Nur, wer sich selbst liebt, ist auch fähig, andere zu lieben. Ist das wirklich das Gegenteil von Altruismus und Solidarität? 

Ich meine nicht! Ein gesundes Maß an EGOISMUS tut gut und ist notwendig. Wir – ja besonders wir Frauen! – sind dazu erzogen, anderen zu gefallen. Anderen zu helfen. Für alle da zu sein, außer für uns selbst. Doch dabei bleiben wir – bleibt das ICH – nur allzu oft auf der Strecke.

Keine Frage: Unreflektierter EGOISMUS, der den anderen Menschen vergisst, die reine Selbstbezogenheit, Selbstsucht, schlimmstenfalls gar Egomanie, die andere Menschen zerstören kann, ist keine erstrebenswerte Charaktereigenschaft. Menschen, deren Handeln permanent nur auf den eigenen Vorteil ausgerichtet ist, verdienen es, kritisiert, vielleicht gar beschimpft zu werden. Aber auch das Gegenteil - das ewige Opfer, die ständig helfende Hand - will man doch gelegentlich nehmen und schütteln, oder?

Irgendwo im Spannungsfeld vom Ich und vom Anderen, zwischen übertriebener Egomanie und Helfersyndrom liegt er, der "gesunde Egoismus". Das reflektierte Wahrnehmen der eigenen Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen. Und auch deren Ausleben. Sich gegen Widerstände zu behaupten, die eigenen Interessen auch mal gegen die der anderen durchzusetzen. Ja, EGOISMUS geht kaum mit unserem Bedürfnis nach Harmonie und Balance zusammen. Aber ohne ihn ist das Leben Stillstand. EGOISMUS ist die größte Triebfeder unseres Handelns: "Ich will!" - für mich jedenfalls klingt das besser als "Ich muss". Sich nicht immer hinter dem vermeintlich Notwendigen zu verstecken, sondern selbstbewusst die eigenen Wünsche in den Vordergrund zu stellen, hat auch etwas sehr Befreiendes. Wenn es auch – vor allem für Frauen - nicht immer die gesellschaftlich akzeptierte Verhaltensweise ist.

ava wird den ganzen Juni hindurch den vielen Facetten des EGOISMUS nachspüren. Wir werden ihn auch in vermeintlich selbstlosen Handlungsweisen entdecken, seine positiven Aspekte hervorheben, kleine Anleitungen zu mehr gesundem EGOISMUS geben. Wir werden dem Geheimnis der unterschiedlichen Wahrnehmung von EGOISMUS auf die Spur kommen, aber auch seine Schattenseiten, sein zerstörerisches Potential ausloten.

Und wir werden all dies gemeinsam in der ava-Community diskutieren. Vielleicht erlangen wir alle dabei ein bisschen mehr Selbsterkenntnis, die uns erlaubt, uns in Zukunft weniger vom EGOISMUS anderer als von unserem eigenen leiten zu lassen.

In diesem Sinne: Alles, was wir wollen!

Ihre Dorothea Palte

ava-Chefredakteurin

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